Raumgröße und flexible Raumnutzung

U Raumgröße und flexible Raumnutzung

Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte verbringen in der Schule etwa 70 bis 80 Prozent ihrer Zeit in den Klassenräumen. Deshalb ist es wichtig, dass hier ausreichend Platz zur Verfügung steht. Angaben zum Platz- und/oder Luftraumbedarf für allgemeine Unterrichtsräume sind als verbindliche Kenngrößen in den landesspezifischen Schulgesetzen, Schulbauverordnungen oder Schulbaurichtlinien allerdings nur an sehr wenigen Stellen zu finden. Eine Differenzierung z. B. nach Altersstufen, speziellen Fachräumen oder pädagogischen Konzepten findet sich teilweise in diesen landesspezifischen Vorgaben und Empfehlungen.

Der bisher in der Fachliteratur für den Schulbau verwendete Planungswert von 2 m² pro Schüler ist bezogen auf die neuen pädagogischen und organisatorischen Anforderungen auf jeden Fall als zu gering anzusehen.

Mehr Freiraum im Klassenzimmer

Die Orientierung an einem Flächenwert pro Schülerin oder Schüler sagt nicht aus, wie viel Freiraum ihnen im Klassenzimmer zur Verfügung steht. Der Flächenbedarf ergibt sich letztlich aus der Nutzung und der damit verbundenen Flächenbedarfe. So sind z. B. Flächen für Garderoben, Einrichtungsmobiliar, zusätzliche Medienarbeitsplätze oder Leseecken einzuplanen. Erst der darüber hinausgehende freie Raum im Klassenzimmer ist letztlich ein Qualitätsfaktor für eine „Gute gesunde Schule“ und entscheidend hinsichtlich konzeptioneller Nutzung und gestalterischer Vielfalt.

Bei der Frage, welches Inventar in bestehenden Klassenräumen tatsächlich benötigt wird, sollte der freie Raum als grundlegender Qualitätsmaßstab herangezogen werden. Tische, Stühle und Tafelsysteme sind sicher unverzichtbar, aber schon die Ausstattung mit anderem Mobiliar (z. B. Schränke, Regale, Garderoben) ist sorgsam zu überlegen. Vielleicht kann es auch außerhalb platziert oder sogar gänzlich weggelassen werden. Dafür müssen jedoch an anderer, gut erreichbarer Stelle Kapazitäten bereitstehen, um z. B. Garderoben oder Schülerschränke einrichten zu können. Das wiederum erfordert eine geschickte Nutzung aller möglichen Grundflächenressourcen in Fluren, Nischen und Nebenräumen – natürlich unter Einhaltung der Brandschutzanforderungen.

Platzgewinn durch andere Schultischgeometrie

Bei der Auswahl des Tisch- und Stuhlmobiliars sind Veränderungen möglich, die im Sinne von mehr freiem Platzangebot zu lernförderlichen Raumbedingungen führen. Die heute üblichen Schüler-Doppeltische (Abmessungen 120 x 50 cm bzw. 120 x 60 cm) nehmen bei einer Klassengröße von 30 Schülerinnen und Schülern eine Grundfläche von 9 bis 11 m² ein. Sind die Tische in Reihen angeordnet, werden einschließlich der Stühle sogar 25 bis 27 m² benötigt. Durch die Verwendung von dreieckigen oder trapezförmigen Tischen können Sitzgruppen für vier oder sechs Schülerinnen und Schüler zusammengestellt werden. Dadurch werden etwa 3 bis 4 m² weniger Grundfläche beansprucht und eine deutlich flexiblere Positionierung von Sitzgruppen im Raum ermöglicht.

Sind die Tische mit Rollen ausgestattet, können schnell und unkompliziert neue Raumkonzeptionen geschaffen werden. Auch fahrbare Regale, Schränke und Medienpulte lassen sich leicht im Klassenraum verschieben, um Platz oder Raumtrennungen für andere Lehr- und Lernformen, z. B. Gruppenarbeit, zu erhalten. Weitere Hinweise zum Einsatz dreieckiger oder trapezförmiger Tische sind unter Möblierung zu finden.

Flexibilität der Mediensysteme

In einem solchen Umfeld verändert sich auch die zentrale Position der Schultafel in ihrer traditionellen Funktion für den Frontalunterricht zugunsten anderer Unterrichtselemente. So könnten z. B. die gesamten Wandflächen eines Klassenraums über schienengeführte Systeme multifunktional eingebunden und genutzt werden.

Auch der künftige Einsatz multimedialer und interaktiver Systeme, z. B. „Active-boards“, wird den bisherigen Ausstattungsstandard mit Schultafeln maßgeblich verändern. Dadurch erweitern sich die Bewegungsspielräume und ermöglichen aufgrund der variablen Medienangebote ganz unterschiedliche Lernstile und Sozialformen. Der klassische Unterrichtsraum wird zum Ausgangspunkt einer gesundheitsförderlichen Lernumgebung im Sinne einer guten und gesunden Schule.


Raumgewinn durch flexible „Lernlandschaften“

Für die Innenraumgestaltung mit flexiblem Mobiliar und Tafelsystemen spricht nicht nur die konzeptionelle Ausrichtung als multifunktionale „Lernlandschaft“. Auch die vorhandene Fläche kann geschickter genutzt werden und schafft im Zusammenspiel mit den neuen Gestaltungselementen mehr Bewegungsraum. Obwohl die eigentliche Grundfläche unverändert bleibt, erscheint das Klassenzimmer größer.

Dieses Ausstattungskonzept ist nicht nur für Schulbauten mit neuen Unterrichtsräumen geeignet, sondern eröffnet auch für die raumgestalterische und „raumgewinnende“ Sanierung älterer Klassenzimmer ganz neue Perspektiven, die sich in aller Regel ohne aufwendige bauliche Maßnahmen realisieren lassen.

Unverzichtbare Ausgangsvoraussetzungen

Bei aller Vielfalt an Möglichkeiten zur Raumgestaltung müssen grundlegende Bedingungen für Raumgröße und Luftraum erfüllt sein. Die in der Fachliteratur und in Verordnungen genannten Richtwerte von 2 m² Grundfläche und 6 m³ Luftraum pro Schüler oder Schülerin stellen zwar eine Basis für den allgemeinen Unterrichtsraum dar, sie müssen aber auch bezogen auf die geänderten Anforderungen und auf mögliche Klassenstärken gesehen werden.

Da bei einem Flächenwert von 2 m² „freie“ Platzreserven kaum vorhanden sind, empfiehlt die gesetzliche Schülerunfallversicherung, jedem Kind eine Grundfläche von mindestens 2,5 m² zuzubilligen oder die für die neuen Lernformen erforderlichen zusätzlichen Flächen in nahe gelegenen Nebenräumen, die den Klassenräumen zugeordnet sind, zur Verfügung zu stellen. Die Größe der Unterrichtsräume sollte sich auch immer auf die maximale Höchstbelegung mit Schülerinnen und Schülern beziehen.

Gerade in Grundschulen werden gerne Leseecken, Schränke mit umfangreichen Lernmaterialien oder einzelne PC-Arbeitsplätze im Klassenraum eingerichtet, weil im Schulgebäude hierfür keine geeigneten Räume zur Verfügung stehen. Das Flächenangebot in den einzelnen Unterrichtsräumen steht somit in direkter Beziehung zum gesamten Raumangebot in der Schule.

Darüber hinaus kann im Sinne der Inklusion zusätzlicher Raum- und Platzbedarf erforderlich werden.

Räume flexibler nutzen und gestalten – die „Fraktale Schule“

Die „Fraktale Schule“ ist ein aus Skandinavien stammendes Lernraumkonzept. Bei der baulichen Planung werden vor allem Unterrichtsformen berücksichtigt, die bewegtes und lebendiges Lernen sowie gemeinsames Arbeiten in kleinen Gruppen ermöglichen. Die bisher vorherrschende rechteckige Raumstruktur von Klassenzimmern wird von konzentrischen bzw. wabenformähnlichen Räumen mit Lernnischen abgelöst.

Durch die Gestaltung mit Fensterelementen bietet jede dieser Lerneinheiten eine hohe Transparenz und Offenheit. Gleichzeitig ermöglicht diese Anordnung auch – unter anderem in akustischer Hinsicht – ungestörte Kommunikation in der Gruppe. Die großzügige Gestaltung der Lernräume erlaubt Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeiten ebenso wie Kreisgespräche und multimediale Präsentationen.

Für eine optimale Gestaltung dieser Räume ist neben der veränderten Raumgeometrie jedoch eine Grundfläche von etwa 85 m² je Klassenraum erforderlich. Neben der alternativen Gestaltung der Lernräume bietet die fraktale Schule zusätzlich unterschiedliche Multifunktionszonen an. Neben Selbstlernzentren mit Medienecken, Foren für Vorträge oder Vorführungen wird auch ein ansprechend gestalteter Teamraum mit Transparenz und Rückzugsnischen für die Lehrkräfte in die Schularchitektur integriert.

Das 2007 realisierte Neubauprojekt dient bereits als Vorbild für erste Altumbauten. Pläne und Abbildungen siehe unter: www.ganztaegig-lernen.de/fraktale-schule


Veröffentlichungen